„Die Apostel baten den Herrn: Stärke unseren Glauben! Der Herr erwiderte: Wenn euer Glaube auch nur so groß wäre wie ein Senfkorn, würdet ihr zu dem Maulbeerbaum hier sagen: Heb dich samt deinen Wurzeln aus dem Boden, und verpflanz dich ins Meer! – und er würde euch gehorchen.“ (Lk 17, 5-6)
„Er blickte auf und sah, wie die Reichen ihre Gaben in den Opferkasten legten. Dabei sah er auch eine arme Witwe, die zwei kleine Münzen hineinwarf. Da sagte er: Wahrhaftig, ich sage euch: Diese arme Witwe hat mehr hineingeworfen als alle anderen. Denn sie alle haben nur etwas von ihrem Überfluss geopfert; diese Frau aber, die kaum das Nötigste zum Leben hat, sie hat ihren ganzen Lebensunterhalt hergegeben.“ (Lk 21, 1-4)
In den Witwen sieht Jesus die Menschen, die aufs Ganze gehen, weil sie nichts mehr zu verlieren haben: die Witwe, die dem ungerechten Richter einfach keine Ruhe lässt … die Witwe, die ihre ganze Lebensvorsorge in den Opferkasten legt …
Aufs Ganze gehen, statt darauf zu schielen, was ich zu verlieren habe, das würde meinen Glauben stärken.
Das Bildwort Jesu ist stark: Wenn mein Glaube nur so groß wäre wie ein Stecknadelkopf, dann könnte ich einiges aus den Angeln heben und in Bewegung bringen; dann würde ich nicht mehr über jeden Strohhalm stolpern, der mir als Hindernis im Weg liegt; dann könnte ich tatsächlich Mauern überspringen mit meinem Gott.
„Nur wenige Menschen ahnen, was Gott aus ihnen machen könnte, wenn sie sich ihm ganz überließen.“ (Ignatius von Loyola)
„Die Apostel kamen zurück und erzählten Jesus alles, was sie getan hatten. Dann nahm er sie beiseite und zog sich in die Nähe der Stadt Betsaida zurück, um mit ihnen allein zu sein. Aber die Leute erfuhren davon und folgten ihm. Er empfing sie freundlich, redete zu ihnen vom Reich Gottes und heilte alle, die seine Hilfe brauchten. Als der Tag zur Neige ging, kamen die Zwölf zu ihm und sagten: Schick die Menschen weg, damit sie in die umliegenden Dörfer und Gehöfte gehen, dort Unterkunft finden und etwas zu essen bekommen; denn wir sind hier an einem abgelegenen Ort. Er antwortete: Gebt ihr ihnen zu essen! Sie sagten: Wir haben nicht mehr als fünf Brote und zwei Fische; wir müssten erst weggehen und für all diese Leute Essen kaufen. Es waren etwa fünftausend Männer. Er erwiderte seinen Jüngern: Sagt ihnen, sie sollen sich in Gruppen zu ungefähr fünfzig zusammensetzen. Die Jünger taten, was er ihnen sagte, und veranlassten, dass sich alle setzten. Jesus aber nahm die fünf Brote und die zwei Fische, blickte zum Himmel auf, segnete sie und brach sie; dann gab er sie den Jüngern, damit sie diese an die Leute austeilten. Und alle aßen und wurden satt. Als man die übriggebliebenen Brotstücke einsammelte, waren es zwölf Körbe voll.“ (Lk 9, 10-17)
Noch ist nicht Festmahl, sondern Alltagsleben.
Zunehmend haben wir kirchlicherseits den Eindruck, dass es hinten und vorne nicht reicht.
Auch wenn damit nicht alle Probleme gelöst sind, hilft die Perspektive dieses Bibelabschnittes vielleicht doch:
Konzentrieren wir uns auf das, was wir haben, und geben es ungeniert an die Menschen weiter, die es brauchen.
So haben es die Jünger bei Jesus gelernt und gemacht und haben es sich nicht träumen lassen, dass ein ganzes christliches Abendland daraus wurde.
„Als einer der Gäste das hörte, sagte er zu Jesus: Selig, wer im Reich Gottes am Mahl teilnehmen darf.
Jesus sagte zu ihm: Ein Mann veranstaltete ein großes Festmahl und lud viele dazu ein. Als das Fest beginnen sollte, schickte er seinen Diener und ließ den Gästen, die er eingeladen hatte, sagen: Kommt, es steht alles bereit!
Aber einer nach dem andern ließ sich entschuldigen.
Der erste ließ ihm sagen: Ich habe einen Acker gekauft und muss jetzt gehen und ihn besichtigen. Bitte, entschuldige mich! Ein anderer sagte: Ich habe fünf Ochsengespanne gekauft und bin auf dem Weg, sie mir genauer anzusehen. Bitte, entschuldige mich! Wieder ein anderer sagte: Ich habe geheiratet und kann deshalb nicht kommen.
Der Diener kehrte zurück und berichtete alles seinem Herrn. Da wurde der Herr zornig und sagte zu seinem Diener: Geh schnell auf die Straßen und Gassen der Stadt und hol die Armen und die Krüppel, die Blinden und die Lahmen herbei.
Bald darauf meldete der Diener: Herr, dein Auftrag ist ausgeführt; aber es ist immer noch Platz. Da sagte der Herr zu dem Diener: Dann geh auf die Landstraßen und vor die Stadt hinaus und nötige die Leute zu kommen, damit mein Haus voll wird. Das aber sage ich euch: Keiner von denen, die eingeladen waren, wird an meinem Mahl teilnehmen.“ (Lk 14, 15-24)
Dem Überschwang am Anfang entspricht die Mahnung am Ende.
Die Teilnahme am göttlichen Leben ist etwas Wunderbares, aber sie kann auch verpasst werden.
Wir sind nicht nur in der Lage, sondern auch dazu aufgefordert, das entscheidend Wichtige zu erkennen und zu tun.
Einstweilen ist noch alles offen: Die Einladung zum Festmahl steht – für manche, bei denen ich das vielleicht nicht gedacht hätte, für alle, für mich …
Christliche Spiritualität lässt sich folglich auch so buchstabieren:
Ich lebe in der Vorfreude auf ein Fest.
In dieser Woche geht unser Exerzitienweg von Advent bis Pfingsten zu Ende.
Deshalb lade ich Sie ein, an einem für Sie geeigneten Tag Rückschau zu halten.
Schauen Sie in einem ersten Schritt, was geworden ist.
Freuen Sie sich über jeden Tag, an dem Sie auf die eine oder andere Weise mit Gott in Kontakt gekommen sind. Seien Sie barmherzig mit sich, wenn sich nicht alles so hat verwirklichen lassen, wie Sie es sich gewünscht hätten oder vorgenommen hatten. Gott ist viel verständnisvoller, als wir gemeinhin annehmen.
Verweilen Sie in einem weiteren Schritt bei dem, was für Sie wichtig, ja vielleicht zum Entscheidenden wurde.
„Bei den wichtigeren Teilen und dort, wo man jeweils größere Bewegungen und geistlichen Genuss verspürt hat“, merke man auf und halte inne, rät Ignatius. Also: Weniger ist mehr.
Wenden Sie zum Abschluss die Blickrichtung nach vorn, auf die kommenden Wochen. Was wünschen Sie sich? Wonach sehnen Sie sich? Was möchten Sie von Gott erbitten?
Und wenn Sie mir eine kleine Rückmeldung über diesen Exerzitienweg oder den Teil, den Sie mitgegangen sind, geben möchten, können Sie das unter spiritualitaet@erzbistum-bamberg.de tun. Ich freue mich darauf.
Ihre Sr. Ursula Dirmeier CJ