„Als Jesus von dort wegging, sah er einen Zöllner namens Levi am Zoll sitzen und sagte zu ihm: Folge mir nach! Da stand Levi auf, verließ alles und folgte ihm. Und er gab für Jesus in seinem Haus ein großes Festmahl. Viele Zöllner und andere Gäste waren mit ihnen bei Tisch. Da sagten die Pharisäer und ihre Schriftgelehrten voll Unwillen zu seinen Jüngern: Wie könnt ihr zusammen mit Zöllnern und Sündern essen und trinken? Jesus antwortete ihnen: Nicht die Gesunden brauchen den Arzt, sondern die Kranken. Ich bin gekommen, um die Sünder zur Umkehr zu rufen, nicht die Gerechten.“ (Lk 5, 27-32)
Nachdem Jesus vier Fischer vom See weg zu Jüngern berufen hat,
holt er sich nun einen, demgegenüber Menschen, die etwas auf sich halten,
Distanz wahren.
Er stellt ihm keine Bedingungen. Er ruft ihn einfach.
Mit Jesus gehen heißt automatisch,
dass sich im Leben etwas wandelt.
Abraham bewirtete in den drei Fremden Gott.
Ein Gastmahl ist für Juden eine heilige Handlung.
Für Jesus spiegelt sich im Festmahl die Wirklichkeit des Gottesreiches,
Leben in Freude, Kommunikation, Leben in Fülle.
Deshalb müssen alle Zugang haben, Sünder und Fromme,
Frauen und Männer, Gesunde und Kranke.
Die Erklärung Jesu für sein Tun
ist eigentlich banal und zugleich höchst anspruchsvoll:
Die Kranken brauchen den Arzt,
die Bedrückten den Seelsorger,
die Zweifelnden den Lehrer,
die in Not Geratenen den Freund.
Wie weit lasse ich mich von Jesus rufen,
wohin mich einladen?
„Am Sabbat lehrte Jesus in einer Synagoge. Dort saß eine Frau, die seit achtzehn Jahren krank war, weil sie von einem Dämon geplagt wurde; ihr Rücken war verkrümmt, und sie konnte nicht mehr aufrecht gehen. Als Jesus sie sah, rief er sie zu sich und sagte: Frau, du bist von deinem Leiden erlöst. Und er legte ihr die Hände auf. Im gleichen Augenblick richtete sie sich auf und pries Gott. Der Synagogenvorsteher aber war empört darüber, dass Jesus am Sabbat heilte, und sagte zu den Leuten: Sechs Tage sind zum Arbeiten da. Kommt also an diesen Tagen und lasst euch heilen, nicht am Sabbat! Der Herr erwiderte ihm: Ihr Heuchler! Bindet nicht jeder von euch am Sabbat seinen Ochsen oder Esel von der Krippe los und führt ihn zur Tränke? Diese Tochter Abrahams aber, die der Satan schon seit achtzehn Jahren gefesselt hielt, sollte am Sabbat nicht davon befreit werden dürfen? Durch diese Worte wurden alle seine Gegner beschämt; das ganze Volk aber freute sich über all die großen Taten, die er vollbrachte.“ (Lk 13, 10-17)
Im Lukas-Evangelium werden die Frauen häufiger genannt als sonst.
Der Evangelist legt Wert darauf, dass sich mit seiner Frohen Botschaft auch die Frauen identifizieren können.
Die Frau steht am Rand, als Kranke und als Frau.
Es ist nicht überliefert, dass sich jemand für sie eingesetzt hätte.
Sie wird von Jesus gesehen. Sie wird von Jesus angesprochen.
Sie wird von Jesus berührt.
In welcher Ecke ich auch stehe, was auch immer mich niederdrückt
und wie lange es schon so geht:
Jesus sieht mich. Jesus spricht mich an.
Jesus berührt mich zärtlich. Ich lasse mich von ihm aufrichten.
Und wenn ich es heute noch nicht glauben kann,
lasse ich es morgen wieder an mir geschehen.
„An einem anderen Sabbat ging Jesus in die Synagoge und lehrte. Dort saß ein Mann, dessen rechte Hand verkrüppelt war. Die Schriftgelehrten und die Pharisäer gaben acht, ob er am Sabbat heilen werde; sie suchten nämlich einen Grund zur Anklage gegen ihn. Er aber kannte ihre Absicht und sagte zu dem Mann mit der verkrüppelten Hand: Steh auf und stell dich in die Mitte! Der Mann stand auf und trat vor. Dann sagte Jesus zu ihnen: Ich frage euch: Was ist am Sabbat erlaubt: Gutes zu tun oder Böses, ein Leben zu retten oder es zugrunde gehen zu lassen? Und er sah sie alle der Reihe nach an und sagte dann zu dem Mann: Streck deine Hand aus! Er tat es, und seine Hand war wieder gesund. Da wurden sie von sinnloser Wut erfüllt und berieten, was sie gegen Jesus unternehmen könnten.“ (Lk 6, 6-11)
Dieser Mann konnte nicht, wie er es gern getan hätte,
mit seiner Hände Arbeit seinen Lebensunterhalt verdienen.
Er stand gesellschaftlich am Rand.
Aber Jesus holt ihn in die Mitte.
Gibt es etwas, das mir fehlt, um wirklich Mensch sein zu können?
Ich brauche das nicht vor Jesus zu verstecken.
Ich darf vielmehr Hilfe, Heilung oder Ausgleich erwarten.
Jesus sagt seinen Zeitgenossen: Eure Alternativen sind falsch.
Es darf nicht heißen: Gottesdienst oder Menschendienst.
Es kann nur heißen: Gutes tun oder Böses.
Denn nicht helfen, wenn ich könnte, ist dasselbe wie Böses tun.
Das war und ist der Sinn des Sabbats: Der Mensch muss in die Mitte.
Kann ich glauben, dass Gott der Menschen und mein Wohl will?
„Wäre es denn in Ordnung, wenn ein Bischof einsam leben wollte wie ein Kartäuser? Oder wenn Verheiratete sich so wenig um Geld kümmerten wie die Kapuziner? Kann ein Handwerker den ganzen Tag in der Kirche verbringen, wie die Mönche es tun? Dürfen andererseits Mönche aus beschaulichen Orden jedermann zur Ver-fügung stehen, wie es der Bischof tun muss?“, so fragt der hl. Franz von Sales in seiner „Philothea“ und gibt selbst die Antwort: „Eine solche Frömmigkeit wäre doch lächerlich, ungeordnet, ja unerträglich.“ Wir sagen heute statt Frömmigkeit vielleicht lieber Spiritualität. Aber das Gemeinte ist noch so richtig wie damals.
Lesen wir weiter: „Nein, echte Frömmigkeit verdirbt nichts; im Gegenteil, sie macht alles vollkommen. Verträgt sie sich nicht mit einem rechtschaffenen Beruf, dann ist sie gewiss nicht echt.“ Umgekehrt wird „jeder Mensch wertvoller in seinem Beruf, wenn er die Frömmigkeit damit verbindet. Die Sorge für die Familie wird friedlicher, die Liebe zum Gatten echter, der Dienst am Vaterland treuer und jede Arbeit angenehmer und liebenswerter.“
Obwohl das vor vierhundert Jahren geschrieben wurde, ist es unmittelbar einleuchtend. Also heißt es Abschied nehmen von allen Standardisierungen, Maßeinheiten und Idealvorstellungen. Es kann für das Beten kein Einheitsmaß und keine Einheitsform geben. Oder um es mit Jesus zu sagen: Das Gebet ist für den Menschen da, nicht der Mensch für das Gebet.