In jenen Tagen erließ Kaiser Augustus den Befehl, alle Bewohner des Reiches in Steuerlisten einzutragen. Dies geschah zum erstenmal; damals war Quirinius Statthalter von Syrien. Da ging jeder in seine Stadt, um sich eintragen zu lassen. So zog auch Josef von der Stadt Nazaret in Galiläa hinauf nach Judäa in die Stadt Davids, die Betlehem heißt; denn er war aus dem Haus und Geschlecht Davids.
Er wollte sich eintragen lassen mit Maria, seiner Verlobten, die ein Kind erwartete. Als sie dort waren, kam für Maria die Zeit ihrer Niederkunft, und sie gebar ihren Sohn, den Erstgeborenen. Sie wickelte ihn in Windeln und legte ihn in eine Krippe, weil in der Herberge kein Platz für sie war. (Lk 2, 1-7)
Dass Götter gelegentlich Menschengestalt annehmen, fanden die Menschen der Antike nicht so ungewöhnlich. Die Umstände, die hier geschildert sind, entsprechen aber ganz und gar nicht dem Üblichen. Nicht einmal eine Decke war aufzutreiben, um das Kleine warm zu halten. Das Heu in der Futter-krippe musste diesen Dienst übernehmen.
Die Erzählung lebt von den Kontrasten: In der Fremde wird unter ärmlichsten Bedingungen jener geboren, der aus dem Geschlecht Davids stammt und den viele für den Messias halten werden. Die Erzählung lebt von der Ironie: Der als Weltheiland vergöttlichte Kaiser Augustus gibt mit seiner Steuergesetzgebung den Rahmen ab für ein Geschehen, das weit über das Ende des römischen Reiches hinaus die Welt gestalten wird.
Dass uns die Weihnachtsszene so vertraut ist, macht es uns schwer, die Ungeheuerlichkeit des Vorgangs wahrzunehmen. Gott will zur Welt kommen, Gott wird einer von uns. Gott hat nicht selten Quartierprobleme bei uns Menschen. Darf Gott Platz in meinem Lebenshaus beanspruchen oder bin ich besetzt bis unters Dach? Bringe ich Gott zur Welt, und das nicht nur zur Weihnachtszeit?
Durch die barmherzige Liebe unseres Gottes wird uns besuchen das aufstrahlende Licht aus der Höhe, um allen zu leuchten, die in Finsternis sitzen und im Schatten des Todes, und unsere Schritte zu lenken auf den Weg des Friedens. (Lk 1, 78-79)
Selten bringt die Bibel das Wesentliche der Beziehung Gottes zu uns so auf den Punkt wie hier. Wörtlich heißt es: durch die Eingeweide des Erbarmens unseres Gottes. Es geht um Gottes Innerstes. Dort erbarmt er sich unser, liebt uns mit göttlichem Erbarmen.Es gibt wohl niemand, der nicht irgendwann einmal in seinem Leben dunkle Phasen durchgemacht hat oder schwere Wege zu gehen hatte.
Nur Münchhausen glaubte, er könne sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf ziehen. Nicht, dass wir uns gehen lassen und passiv bleiben sollen. Aber es ist gut, wenn wir ein Licht im Tunnel sehen, wenn da jemand Licht in unser Leben bringt, wenn wir ein Ziel vor Augen haben.
Das Wort Shalom ist viel umfassender als unser Wort Friede. Shalom meint Wohlergehen, Heilsein, Lebensglück.Gott will unsere Schritte darauf hinlenken, möchte, dass unser Leben gelingt. Dieses kurze Schriftwort buchstabiert die Botschaft von Weihnachten in unseren Alltag, unabhängig von der Jahreszeit und der Weihnachtsstimmung.
Noch einmal in einer anderen Übersetzung: Gott ist voll Liebe und Erbarmen. Er schickt uns das Licht aus der Höhe, ein Licht für alle Menschen, die in Nacht und Todesfurcht leben; es wird uns auf den Weg des Friedens führen.
Nach einigen Tagen machte sich Maria auf den Weg und eilte in eine Stadt im Bergland von Judäa. Sie ging in das Haus des Zacharias und begrüßte Elisabet. Als Elisabet den Gruß Marias hörte, hüpfte das Kind in ihrem Leib. Da wurde Elisabet vom Heiligen Geist erfüllt und rief mit lauter Stimme: Gesegnet bist du mehr als alle anderen Frauen, und gesegnet ist die Frucht deines Leibes. Wer bin ich, dass die Mutter meines Herrn zu mir kommt?
In dem Augenblick, als ich deinen Gruß hörte, hüpfte das Kind vor Freude in meinem Leib. Selig ist die, die geglaubt hat, dass sich erfüllt, was der Herr ihr sagen ließ. Und Maria blieb etwa drei Monate bei ihr; dann kehrte sie nach Hause zurück. (Lk 1, 39-45. 56)
Maria macht sich auf den Weg, um zu verifizieren, was ihr der Engel als Zeichen gab. Dass eine Frau, die als unfruchtbar galt, in vorgerücktem Alter ein Kind bekam und das als besonderes Geschenk Gottes empfand, hat eine lange Tradition in der Bibel. Sara und Hannah, die Mutter Samuels, sind die bekanntesten Beispiele. (Letztere lebte auch in einem Bergland von Judäa.)
Hier begegnen einander die sehr junge und die bereits ältere Frau, die, die sich nichts so sehr gewünscht hat, wie ein Kind, und die, für die das Kind eine wirkliche Zumutung war. Beides wird man von Gott erleben, wenn man ihn ins eigene Leben einlässt …
Was Elisabet zu Maria sagt, gilt auch von ihr selbst und von allen Menschen: Selig sind, die glauben, was Gott ihnen sagt. Selig, die ihr Leben als einen Weg mit Gott gehen. Das ist nicht bloß eine fromme Behauptung, sondern mittlerweile statistisch erwiesen: Gläubige Menschen sind im Durchschnitt gesünder, erholen sich rascher von einer Krankheit, leben länger … „Alles wirkliche Leben ist Begegnung“, sagt Martin Buber. Wenn sie gelingt, bringt das etwas in uns in Bewegung, dann fühlen wir uns erst wirklich lebendig ...
Von Karl Valentin ist der hintergründige Satz überliefert: „Ach bitte, könnten Sie mir sagen, wo ich hin will?“ Kann mir natürlich niemand sagen. Kann ich nur selber wissen. Aber oft weiß ich es eben nicht.
Zu wissen, was ich will, ist der Anfang der Weisheit. Innezuhalten und zu erforschen, was in mir ist und in welche Richtung es voran gehen soll, ist nach Ignatius von Loyola der Beginn des Gebets.
„Von Gott unserem Herrn das erbitten, was ich begehre und ersehne“, soll am Anfang meines Betens stehen. Genau betrachtet, bin ich zu drei Schritten eingeladen:
(1) Spüren, wie es mir geht, wo und wie ich mich befinde,
(2) ahnen, wo es hingehen soll, was meine Sehnsucht ist,
(3) und das mir und Gott das eingestehen und mir von Gott helfen lassen.
Vielleicht haben Sie Hemmungen, so ungeniert bei sich, Ihrer Befindlichkeit und Ihrem Wünschen anzufangen. Dann möchte ich Sie ermutigen mit der Frage, die Jesus dem blinden Baritmäus stellt: „Was willst du, dass ich dir tun soll?“
Je ehrlicher ich vor Gott zum Ausdruck bringe, was ich mir wirklich für mein Leben wünsche, desto eher kann Gott mich in diese Richtung führen. Desto eher werde ich auch die kleinen Aufmerksamkeiten Gottes in meinem Alltag entdecken.
Wissen, wo ich hin will, ist nicht nur Voraussetzung für den ersten Schritt. Wissen, wo ich hin will, setzt mich bereits in Bewegung – und womöglich Gott auch.